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Bilaterale III: Warum eine Abstimmung vor den Wahlen 2027 in die Ferne rückt

Bundesratswahl, Budget, Treffen in Lugano: Die Wintersession ist dicht gedrängt. Befürworter und Skeptiker des EU-Pakets ringen um den Fahrplan.

Eine Bun­des­rats­wahl, das Bun­des­bud­get und ein Mi­nis­ter­tref­fen in Lugano: Drei Ter­mi­ne im De­zem­ber könn­ten mit­be­stim­men, wann die Schweiz über das Ver­trags­pa­ket mit der Eu­ro­päi­schen Union ab­stimmt. Laut Aar­gau­er Zei­tung dürfte das Par­la­ment im De­zem­ber nicht einmal den ersten Teil des Pakets ab­schlies­sen können, womit eine Ab­stim­mung vor den eid­ge­nös­si­schen Wahlen im Herbst 2027 un­wahr­schein­lich würde1.

Die Be­für­wor­ter des Pakets geben des­halb nicht auf. Die zu­stän­di­ge Kom­mis­si­on des Na­tio­nal­rats ist am 21. Ok­to­ber ein­ge­tre­ten und hat zu­sätz­li­che Sit­zun­gen an­ge­setzt, um die Fris­ten ein­zu­hal­ten. Ein Ab­stim­mungs­da­tum steht nicht fest, und es geht um mehr als die Agenda: Von der Rei­hen­fol­ge der Ab­stim­mun­gen könnte ab­hän­gen, nach wel­cher Regel über das Er­geb­nis ent­schie­den wird.

Drei Hindernisse im Dezember

Die Win­ter­ses­si­on dauert vom 30. No­vem­ber bis 18. De­zem­ber. Am Morgen des 9. De­zem­ber wählt die Ver­ei­nig­te Bun­des­ver­samm­lung die Nach­fol­ge von Guy Par­me­lin, was in der Regel einen halben Tag be­an­sprucht. Das Budget 2027 belegt den gröss­ten Teil der ersten Woche im Na­tio­nal­rat, der es dieses Jahr als Erst­rat berät. In der­sel­ben Woche ist Aus­sen­mi­nis­ter Igna­zio Cassis durch das von ihm prä­si­dier­te OSZE-Mi­nis­ter­tref­fen in Lugano ge­bun­den; ohne ihn kann die De­bat­te nicht statt­fin­den, schreibt die Zei­tung2.

Das Pro-Lager ver­sucht, diese Eng­päs­se aus­zu­glei­chen. «Wir haben zu­sätz­li­che Sit­zun­gen ge­plant, damit wir das Paket recht­zei­tig vor der Win­ter­ses­si­on fertig vor­be­ra­ten kön­nen», sagt die Prä­si­den­tin der Aus­sen­po­li­ti­schen Kom­mis­si­on, Sibel Arslan (Grüne). Laut der Zei­tung sind im Na­tio­nal­rat Sit­zun­gen bis spät abends und zu­sätz­li­che De­bat­ten­zeit an Don­ners­tag­nach­mit­ta­gen vor­ge­se­hen, ein Ab­schluss im De­zem­ber wäre «theo­re­tisch mög­lich».

Der Na­tio­nal­rat agiert jedoch nicht allein: Der Stän­de­rat muss die Dif­fe­ren­zen be­rei­ni­gen. Heidi Z'­grag­gen (Mitte), Prä­si­den­tin seiner Staats­po­li­ti­schen Kom­mis­si­on, sagt, noch sei nichts be­schlos­sen, aber «ich gehe davon aus, dass das Par­la­ment nicht im De­zem­ber fertig wird mit den EU-Ver­trä­gen». Ihre Kom­mis­si­on ar­bei­tet zudem an einer Vor­la­ge zur «Schu­bert-Pra­xis»: Das Par­la­ment soll be­wusst von den Ver­trä­gen ab­wei­chen dürfen, ohne dass das Bun­des­ge­richt solche Ent­schei­de später wi­der­ru­fen kann. Dieser frü­hes­tens im Früh­ling er­war­te­te Text soll nach ihrem Ver­ständ­nis dem Volk gleich­zei­tig mit dem Paket vor­ge­legt werden3.

Juni 2027 oder März 2028: was das Datum ändert

Die Be­für­wor­ter des Pakets peilen den 6. Juni 2027 an. Ver­ab­schie­det das Par­la­ment die Vor­la­gen erst im März 2027, wäre die Ab­stim­mung laut Deutsch­schwei­zer Presse frü­hes­tens im März 2028 mög­lich, weil es in einem eid­ge­nös­si­schen Wahl­jahr im Herbst und Winter keine Ab­stim­mungs­ter­mi­ne gibt4.

Auch po­li­tisch wird ge­rech­net. Laut Aar­gau­er Zei­tung käme eine Ver­schie­bung der SVP ent­ge­gen, die 2027 mit dem von ihr so ge­nann­ten «Un­ter­wer­fungs­ver­tra­g» Wahl­kampf be­trei­ben will. SP und Grüne wollen vor­wärts­ma­chen, und auch für Mitte und FDP, die in diesem Dos­sier ge­spal­ten sind, wäre eine Re­ge­lung vor den Wahlen von Vor­teil, auch wenn gerade Stän­de­rä­te aus ihren Reihen brem­sen.

Eine Ver­schie­bung würde vor allem einen wei­te­ren Termin ins Spiel brin­gen. Die Kom­pass-In­itia­ti­ve, die solche Ver­trä­ge dem Volk und den Stän­den un­ter­stel­len will, muss vom Par­la­ment bis Ende 2027 be­han­delt werden und spä­tes­tens im Sep­tem­ber 2028 zur Ab­stim­mung kommen. Beide Ur­nen­gän­ge könn­ten also ins selbe Jahr fallen, und die Rei­hen­fol­ge wäre wich­tig: Laut Tag­blatt ver­langt der Stän­de­rat für das Paket das Stän­de­mehr, im Na­tio­nal­rat geht es wohl in die andere Rich­tung, und bei einem Patt ent­schie­de eine Ei­ni­gungs­kon­fe­renz.

Na­tio­nal­rat Simon Michel (FDP), ein Be­für­wor­ter der Ver­trä­ge, hält es für «un­lo­gi­sch», zuerst über das Paket und erst danach über die In­itia­ti­ve ab­zu­stim­men. Er schlägt vor, dass das Par­la­ment auf das ver­zich­tet; das Volk ent­schie­de zuerst über die In­itia­ti­ve, und bei einem Ja würden die Ver­trä­ge nach­träg­lich dem Stän­de­mehr un­ter­stellt, was ju­ris­tisch noch zu klären wäre. Mitte-Prä­si­dent Phil­ipp Mat­thi­as Bregy be­für­wor­tet das ob­li­ga­to­ri­sche Re­fe­ren­dum mit Stän­de­mehr un­ab­hän­gig von der In­itia­ti­ve. Das In­itia­tiv­ko­mi­tee will, dass seine Vor­la­ge zuerst dran­kommt, und würde sie zu­rück­zie­hen, wenn das Par­la­ment diese Regel be­schliesst5.

Ein erster Schritt im Nationalrat

In der Sache ist die Aus­sen­po­li­ti­sche Kom­mis­si­on mit 15 zu 9 Stim­men bei einer Ent­hal­tung ein­ge­tre­ten. Laut der Agen­tur AWP stam­men die Nein-Stim­men ver­mut­lich von der SVP. Die Mehr­heit er­ach­te­te ge­re­gel­te und ver­läss­li­che Be­zie­hun­gen zur EU in Zeiten geo­po­li­ti­scher Un­si­cher­heit als not­wen­dig. Die Min­der­heit warnte vor einem Sou­ve­rä­ni­täts­ver­lust. Beim folgt die Kom­mis­si­on dem Stän­de­rat und dem Kom­pro­miss der So­zi­al­part­ner: Aus­län­di­sche Firmen, die Per­so­nal in die Schweiz ent­sen­den, müss­ten keine prä­ven­ti­ve Kau­ti­on mehr hin­ter­le­gen. Sie hiess aus­ser­dem Kre­di­te von rund 3,5 Mil­li­ar­den Fran­ken bis 2036 für Ko­hä­si­on und Mi­gra­ti­on gut6. Über Per­so­nen­frei­zü­gig­keit, Zu­wan­de­rungs­ab­ga­be und Ab­stim­mungs­re­gel wird ab dem 5. und 6. No­vem­ber be­ra­ten.

Aus­ser­halb des Bun­des­hau­ses dreht sich der Streit um die , also die Pflicht, die Ent­wick­lung des EU-Rechts in den er­fass­ten Be­rei­chen zu über­neh­men: Unser Ar­ti­kel zu diesem Me­cha­nis­mus zeigt, wer in Bern dar­über ent­schei­den würde.

Der «Plan B» von Alfred Gantner

Der Un­ter­neh­mer Alfred Gant­ner, Mit­grün­der der Al­li­anz Kom­pass Europa, die hinter der Kom­pass-In­itia­ti­ve steht, hat die De­bat­te um einen wei­te­ren Vor­schlag er­gänzt. Die vom Stän­de­rat be­schlos­se­ne Abgabe würde nur bei ak­ti­vier­ter Schutz­klau­sel gelten. Seine wäre dau­er­haft: Ar­beit­ge­ber, die im Aus­land re­kru­tie­ren, würden fünf Jahre lang nach einem pro­gres­si­ven Tarif zahlen, der bei 15 Pro­zent des Brut­to­lohns über 300 000 Fran­ken ge­de­ckelt ist. Für einen Ho­tel­an­ge­stell­ten nahe beim Mi­ni­mal­lohn wären das nach seiner Rech­nung rund 500 Fran­ken pro Jahr. Er er­war­tet einen Rück­gang der Zu­wan­de­rung um rund einen Vier­tel und will die auf etwa 1,35 Mil­li­ar­den Fran­ken jähr­lich ge­schätz­ten Ein­nah­men an die Haus­hal­te zu­rück­ver­tei­len7.

Kom­pass Europa nimmt in Kauf, dass dieses Modell das Frei­zü­gig­keits­ab­kom­men ver­letzt, und Alfred Gant­ner räumt ein: «Wir ver­lie­ren den un­ge­hin­der­ten Zugang ins Aus­land, das ist rich­ti­g»8. Ge­werk­schaf­ten und Ar­beit­ge­ber lehnen ihn ab: «Eine Zu­wan­de­rungs­ab­ga­be wäre das Ende der Bi­la­te­ra­len», sagt Daniel Kopp vom Ge­werk­schafts­bund; Pa­trick Chuard-Keller vom Ar­beit­ge­ber­ver­band nennt sie «schlecht für den Wirt­schafts­stand­ort Schwei­z». Laut SRF findet die Idee bisher wenig An­klang und ist vor allem ein Signal für den Fall einer Ab­leh­nung des Pakets.

Was es zu beobachten gilt

Drei Ter­mi­ne geben Hin­wei­se: die Aus­sen­po­li­ti­sche Kom­mis­si­on am 5. und 6. No­vem­ber und dann Mitte No­vem­ber, wenn sie ihre Ge­samt­ab­stim­mung an­strebt; die Staats­po­li­ti­sche Kom­mis­si­on des Na­tio­nal­rats am 12. und 13. No­vem­ber zum Re­fe­ren­dum9; und die Wirt­schafts­kom­mis­si­on, die im No­vem­ber mit der De­tail­be­ra­tung be­ginnt10. Das Pro­gramm der Win­ter­ses­si­on zeigt dann, wie viel Platz der Na­tio­nal­rat dem Paket ein­räumt. Davon wird zu einem guten Teil ab­hän­gen, in wel­chem Jahr diese Ab­stim­mung statt­fin­det, und nach wel­cher Regel.

  1. 1Aargauer Zeitung, 29.10.2026 Quelle 
  2. 2Aargauer Zeitung, 29.10.2026 Quelle 
  3. 3Aargauer Zeitung, 29.10.2026 Quelle 
  4. 4St. Galler Tagblatt, 30.10.2026 Quelle 
  5. 5St. Galler Tagblatt, 30.10.2026 Quelle 
  6. 6AWP, 21.10.2026 Quelle 
  7. 7SRF, 20.10.2026 Quelle 
  8. 8Thurgauer Zeitung, 19.10.2026 Quelle 
  9. 9Parlament, Sitzungsplanung APK-N Quelle 
  10. 10Parlamentsdienste, 28.10.2026 Quelle 

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