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Kompass-Initiative: Sollen die Kantone über Staats­ver­trä­ge mit­ent­schei­den?

Die Kompass-Initiative will Staatsverträge mit Rechtsübernahme Volk und Ständen vorlegen. Was sie ändern würde und warum der Bundesrat sie ablehnt.

· aktualisiert am 15. Oktober 2026

111'422 gül­ti­ge Un­ter­schrif­ten, ge­sam­melt in elf Mo­na­ten. Diese Zahl stell­te die Bun­des­kanz­lei am 21. Ok­to­ber 2025 für die Volks­in­itia­ti­ve der Al­li­anz Kom­pass/Europa fest, in der Ro­man­die als «Bous­so­le Eu­ro­pe» be­kannt1. Ihr An­lie­gen lässt sich in einem Satz zu­sam­men­fas­sen: Staats­ver­trä­ge, welche die Schweiz zur Über­nah­me wich­ti­ger recht­set­zen­der Be­stim­mun­gen ver­pflich­ten, sollen nicht nur vom Volk, son­dern auch von den Kan­to­nen gut­ge­heis­sen werden müssen.

Das Paket Schweiz–EU ist das na­he­lie­gen­de Ziel, doch die In­itia­ti­ve reicht weiter: Sie würde die Regel für alle Staats­ver­trä­ge dieser Art dau­er­haft ändern. Der Bun­des­rat emp­fiehlt seit No­vem­ber 2025, sie ab­zu­leh­nen; seine Bot­schaft vom 12. August 2026 ent­hält keinen Ge­gen­vor­schlag2. Das Par­la­ment muss sie noch be­ra­ten, ein Ab­stim­mungs­ter­min ist nicht be­kannt.

Wer hinter der Initiative steht

Kom­pass/Europa ist eine 2021 ge­grün­de­te Al­li­anz von Un­ter­neh­mern, die das Paket ab­lehnt3. Sie be­kämpft na­ment­lich, was sie als Un­ter­stel­lung des Ver­trags unter die Ge­richts­bar­keit der EU be­zeich­net4. Lan­ciert wurde die In­itia­ti­ve am 1. Ok­to­ber 2024, ein­ge­reicht am 29. August 2025, mit mehr als den 100'000 Un­ter­schrif­ten, die innert 18 Mo­na­ten nötig sind5. Sie ist Teil einer brei­te­ren Be­we­gung: Auch die SVP, der Schwei­ze­ri­sche Ge­wer­be­ver­band und der Schwei­zer Bau­ern­ver­band ver­lan­gen für das Paket das 6.

Der of­fi­zi­el­le Titel fasst das Ziel zu­sam­men: «Für eine di­rekt­de­mo­kra­ti­sche und wett­be­werbs­fä­hi­ge Schweiz – keine EU-Pas­siv­mit­glied­schaf­t». Der Be­griff der «Pas­siv­mit­glied­schaf­t» bün­delt die Kritik der In­iti­an­ten am Paket.

Was die Initiative ändern würde

Sie ver­langt, dass Staats­ver­trä­ge, welche die Über­nah­me wich­ti­ger recht­set­zen­der Be­stim­mun­gen vor­se­hen, dem ob­li­ga­to­ri­schen Re­fe­ren­dum un­ter­ste­hen, also der Ab­stim­mung von Volk und Stän­den. Dazu ändert sie die Ar­ti­kel 101 und 164 der Bun­des­ver­fas­sung und fügt eine Über­gangs­be­stim­mung an7.

Was das be­deu­ten würde, zeigt ein Blick auf die heu­ti­ge Regel. Ein sol­cher Ver­trag un­ter­steht grund­sätz­lich dem : Ab­ge­stimmt wird nur, wenn 50'000 Stimm­be­rech­tig­te (oder 8 Kan­to­ne) dies innert 100 Tagen ver­lan­gen, und es genügt das Volks­mehr8. Diesen Weg schlägt der Bun­des­rat für das Paket vor9. Mit der In­itia­ti­ve käme es au­to­ma­tisch zur Ab­stim­mung, und ein Ver­trag, den eine Mehr­heit der Stim­men­den an­nimmt, könnte am feh­len­den Stän­de­mehr schei­tern. Bei dieser zwei­ten Zäh­lung hat jeder Kanton eine Stimme, die sechs ehe­ma­li­gen Halb­kan­to­ne je eine halbe: Die Stimme eines In­ner­rho­ders wiegt dort weit mehr als jene eines Zür­chers. Laut dem Po­li­to­lo­gen Adrian Vatter läuft das dop­pel­te Mehr fak­tisch darauf hinaus, dass rund 55 Pro­zent Ja-Stim­men nötig sind10.

Das Paket zeigt, welche Art von Ver­trä­gen ge­meint ist. Mit der ver­pflich­tet sich die Schweiz, Wei­ter­ent­wick­lun­gen des EU-Rechts, die in den Gel­tungs­be­reich der Ab­kom­men fallen, «so rasch wie mög­lich» in die Ab­kom­men zu über­neh­men11. Sie hat weder einen Sitz im Rat der EU noch Ab­ge­ord­ne­te im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment; ihre Sach­ver­stän­di­gen werden bei der Aus­ar­bei­tung der Rechts­ak­te le­dig­lich kon­sul­tiert12. Jede Über­nah­me durch­läuft das schwei­ze­ri­sche Ver­fah­ren, das Re­fe­ren­dum ein­ge­schlos­sen. Eine Ab­leh­nung kann jedoch vor den und danach vor ein führen. Hält sich die Schweiz nicht an dessen Ent­scheid, kann die EU er­grei­fen: Sie kann Vor­tei­le, welche die Ab­kom­men vor­se­hen, teil­wei­se aus­set­zen, die Schweiz aber nicht zur Kasse bitten13. Das Paket hat auch seinen Preis: Laut Bun­des­rat bringt es zu­sätz­li­che Aus­ga­ben für den Bun­des­haus­halt «im Umfang von rund 1,4 Mil­li­ar­den Fran­ken pro Jahr» mit sich, eine Grös­sen­ord­nung, die erst 2035 er­reicht wird14. Genau dieses Ge­samt­ge­fü­ge wollen die In­iti­an­ten der Zu­stim­mung der Kan­to­ne un­ter­stel­len.

Die Argumente der Initianten

Nach An­sicht der Be­für­wor­ter be­rüh­ren Staats­ver­trä­ge, welche die Schweiz ver­pflich­ten, der Ent­wick­lung des EU-Rechts zu folgen, die ver­fas­sungs­mäs­si­ge Ord­nung und den Fö­de­ra­lis­mus. Die Kan­to­ne müss­ten des­halb mit­re­den können. Die In­iti­an­ten be­ru­fen sich auf die Ge­schich­te: 1972 wurde das Frei­han­dels­ab­kom­men mit der Eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­ge­mein­schaft, 1992 der Eu­ro­päi­sche Wirt­schafts­raum Volk und Stän­den vor­ge­legt, obwohl die Ver­fas­sung dies nicht ver­lang­te15. Der EWR schei­ter­te damals an 50,3 Pro­zent der Stim­men­den und 16 Stän­den16. Daraus ziehen die In­iti­an­ten den Schluss, die Regel gehöre in die Ver­fas­sung, statt dass das Par­la­ment von Fall zu Fall ent­schei­de.

Zehn Kan­to­ne ver­tra­ten in der Ver­nehm­las­sung zum Paket die­sel­be Logik, dar­un­ter Uri, Schwyz, Zug und das Tessin17. Ebenso Ju­ris­ten: Paul Richli von der Uni­ver­si­tät Luzern sieht «mehr Ar­gu­men­te für als gegen das dop­pel­te Mehr», na­ment­lich weil die Aus­gleichs­mass­nah­men die Ab­stim­mungs­frei­heit ein­schrän­ken würden18.

Der Bundesrat: bei den geltenden Regeln bleiben

Am 26. No­vem­ber 2025 kün­dig­te der Bun­des­rat an, die Ab­leh­nung der In­itia­ti­ve zu emp­feh­len. Seine am 12. August 2026 ver­ab­schie­de­te Bot­schaft an das Par­la­ment ent­hält keinen Ge­gen­vor­schlag19. Am selben Tag hielt er für das Paket am fa­kul­ta­ti­ven Re­fe­ren­dum fest, weil die Ab­kom­men die Vor­aus­set­zun­gen für ein ob­li­ga­to­ri­sches Re­fe­ren­dum nicht er­füll­ten20.

Zur Ver­tei­di­gung des or­dent­li­chen Ver­fah­rens ver­weist er unter an­de­rem auf einen Volks­ent­scheid. 2012 lehn­ten 75,3 Pro­zent der Stim­men­den die In­itia­ti­ve «Staats­ver­trä­ge vors Volk!» ab, die Staats­ver­trä­ge mit wich­ti­gen recht­set­zen­den Be­stim­mun­gen dem ob­li­ga­to­ri­schen Re­fe­ren­dum un­ter­stel­len wollte21. Der Bun­des­rat er­in­nert auch daran, dass die Bi­la­te­ra­len I und Schen­gen/Dublin, die be­reits eine Über­nah­me von EU-Recht vor­se­hen, dem fa­kul­ta­ti­ven Re­fe­ren­dum un­ter­stan­den; das Stimm­volk hat sie 2000 und 2005 an­ge­nom­men22. Nach seiner Ein­schät­zung greift das Paket nicht tief in die ver­fas­sungs­mäs­si­ge Ord­nung ein, und er warnt davor, ein Prä­ju­diz zu schaf­fen23.

Auch die FDP, die SP, die Grünen, die Grün­li­be­ra­len und die EVP treten beim Paket eben­falls für das fa­kul­ta­ti­ve Re­fe­ren­dum ein24. Die Mei­nun­gen in der Be­völ­ke­rung schei­nen ge­teilt: In einer im Ok­to­ber 2025 ver­öf­fent­lich­ten Um­fra­ge von De­mo­scope hiel­ten 51 Pro­zent der Be­frag­ten das Volks­mehr für aus­rei­chend, 39 Pro­zent spra­chen sich für das dop­pel­te Mehr aus25.

Ein Wettlauf mit dem Paket

Zu einer Frage des Fahr­plans hat sich das Par­la­ment be­reits ge­äus­sert. Am 4. März 2026 lehnte es der Stän­de­rat ab, die Volks­ab­stim­mung über die In­itia­ti­ve vor jener über das Paket an­zu­set­zen: Der Antrag er­hielt nur 22 Stim­men, bei 23 Ge­gen­stim­men26. Die Rei­hen­fol­ge ist nicht be­lang­los, denn beide Vor­la­gen be­tref­fen die­sel­be Frage: welche Ab­stim­mungs­re­gel für Ver­trä­ge mit der EU gilt. Die in­halt­li­che Be­ra­tung der In­itia­ti­ve steht noch aus.

In­zwi­schen hat die De­bat­te die In­itia­ti­ve auf einem an­de­ren Weg ein­ge­holt. Am 30. Sep­tem­ber 2026 be­schloss der Stän­de­rat, dass der Sta­bi­li­sie­rungs­teil des Pakets das Volks- und Stän­de­mehr er­rei­chen muss. Er wählte zwei Wege, zwi­schen denen der Na­tio­nal­rat ent­schei­den muss: ein im Bun­des­be­schluss ver­an­ker­tes ob­li­ga­to­ri­sches Re­fe­ren­dum (23 zu 17 Stim­men, 3 Ent­hal­tun­gen) und einen se­pa­ra­ten Ver­fas­sungs­be­schluss (23 zu 18 Stim­men, 2 Ent­hal­tun­gen)27. Den Bun­des­be­schluss selbst hiess er mit 25 zu 16 Stim­men bei 2 Ent­hal­tun­gen gut28. Für dieses eine Dos­sier deckt sich der Ent­scheid mit dem Ziel der In­itia­ti­ve. Folgt der Na­tio­nal­rat, ver­schiebt sich die Frage: Es ginge nicht mehr darum, wie über das Paket ab­ge­stimmt wird, son­dern darum, ob die Regel für alle künf­ti­gen Staats­ver­trä­ge gelten soll.

Die beiden Vor­la­gen sind aus­ein­an­der­zu­hal­ten. Das Paket ist eine Reihe von Ab­kom­men, für die das Par­la­ment die Ab­stim­mungs­re­gel be­stimmt. Die Kom­pass-In­itia­ti­ve ist eine Ver­fas­sungs­än­de­rung; wie jede Volks­in­itia­ti­ve kommt sie oh­ne­hin vor Volk und Stände. Die Rei­hen­fol­ge der beiden Ab­stim­mun­gen und ihr ge­gen­sei­ti­ger Ein­fluss sind offen, und für die In­itia­ti­ve ist noch kein Datum fest­ge­legt.

Die weiteren Argumente zur Abstimmungsregel finden sich in Nur das Volk oder Volk und Stände? und in Was die Juristen sagen. Wie die Rechtsübernahme funktioniert, erklärt die Seite Institutionelles.

Aktualisiert am 15.10.2026: Abstimmungen im Ständerat vom 30. September 2026, gemäss den offiziellen Abstimmungsprotokollen.

  1. 1Bundeskanzlei, 21.10.2025 Quelle 
  2. 2Bundesamt für Justiz, 12.08.2026 Quelle 
  3. 3Bundesamt für Justiz Quelle 
  4. 4Kompass/Europa, Website, abgerufen am 14.10.2026 Quelle 
  5. 5Botschaft des Bundesrates, Ziff. 2.1.8.6p. 140 
  6. 6Ergebnisbericht Vernehmlassungp. 17 
  7. 7Bundesamt für Justiz Quelle 
  8. 8Offizielle Präsentation, Folie 37p. 38 
  9. 9Botschaft des Bundesrates, Ziff. 4.2.2.1.5p. 1039 
  10. 10SPK-S, 27.03.2026 Quelle 
  11. 11FZA: Institutionelles Protokoll, Art. 5 Abs. 1p. 6 
  12. 12Botschaft des Bundesrates, Ziff. 2.1.6.2.1p. 93 
  13. 13Botschaft des Bundesrates, Ziff. 2.1.6.2.4p. 100 FZA: Institutionelles Protokoll, Art. 10 Abs. 2p. 9 Botschaft des Bundesrates, Ziff. 2.1.6.2.8p. 103 
  14. 14Botschaft des Bundesrates, Ziff. 3.1.1p. 1002 
  15. 15Botschaft des Bundesrates, Ziff. 4.2.2.1.3p. 1036 
  16. 16Botschaft des Bundesratesp. 36 
  17. 17Ergebnisbericht Vernehmlassungp. 16 
  18. 18IWP, 04.03.2025 Quelle 
  19. 19EDA, Chronologie, S. 2 Quelle 
  20. 20Bundesrat, 12.08.2026 Quelle 
  21. 21Faktenblatt Rechtliche Aspektep. 3 
  22. 22Botschaft des Bundesratesp. 36 Botschaft des Bundesratesp. 37 
  23. 23Botschaft des Bundesrates, Ziff. 4.2.2.1.3p. 1037 Botschaft des Bundesrates, Ziff. 4.2.2.1.5p. 1040 
  24. 24Ergebnisbericht Vernehmlassungp. 17 
  25. 25La Télé, Oktober 2025 Quelle 
  26. 26Bundesamt für Justiz Quelle 
  27. 27Abstimmungsprotokoll 8568 Quelle Abstimmungsprotokoll 8572 Quelle 
  28. 28Abstimmungsprotokoll 8570 Quelle 

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