Aktuell

Mercosur und Bilaterale III: Wie das Paket die Im­port­re­geln verändert

Referendum gegen EFTA-Mercosur bis 21.01.2027: Das EU-Vertragspaket ändert die Gesundheitsregeln, die für Importe in die Schweiz gelten.

· aktualisiert am 15. Oktober 2026

Darf ein Schwei­zer Im­por­teur wei­ter­hin süd­ame­ri­ka­ni­sches Rind­fleisch von Tieren ein­füh­ren, die mög­li­cher­wei­se mit Wachs­tums­hor­mo­nen be­han­delt wurden? Ja, aber nicht mehr zu den­sel­ben Be­din­gun­gen. Mit dem Paket Schweiz–EU müsste dieses Fleisch über eine Schwei­zer Grenz­kon­troll­stel­le ins Land kommen und direkt an die Kon­su­men­ten ver­kauft werden. Ein Rück­ver­fol­gungs­sys­tem würde ver­hin­dern, dass es in den eu­ro­päi­schen Markt ge­langt, und die Schweiz müsste der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on dar­über jedes Jahr Be­richt er­stat­ten1.

Hier tref­fen sich die beiden eu­ro­pa­po­li­ti­schen Dos­siers dieses Herbsts. Am 13. Ok­to­ber 2026 wurde das Re­fe­ren­dum gegen das Frei­han­dels­ab­kom­men zwi­schen der EFTA, der die Schweiz an­ge­hört, und dem Mer­co­sur (Ar­gen­ti­ni­en, Bra­si­li­en, Pa­ra­gu­ay, Uru­gu­ay) er­grif­fen. Das Paket mit der EU ver­än­dert, wie die Ge­sund­heits­stan­dards für Im­por­te aus Dritt­staa­ten fest­ge­legt werden, etwa für süd­ame­ri­ka­ni­sches Fleisch: Auf diesem Feld kreu­zen sich die beiden Ab­stim­mun­gen.

Wo das Paket die Regeln ändert: die Le­bens­mit­tel­si­cher­heit

Über das Pro­to­koll zur Le­bens­mit­tel­si­cher­heit greift das Paket in die Ein­fuh­ren ein. Die EU-Regeln für die ge­sam­te Le­bens­mit­tel­ket­te würden in der Schweiz an­wend­bar, und ihre künf­ti­gen Än­de­run­gen würden dy­na­misch über­nom­men: Sie werden lau­fend per Be­schluss des in­te­griert und an­schlies­send nach den Schwei­zer Ver­fah­ren ge­neh­migt, mit dem Par­la­ment und einem mög­li­chen Re­fe­ren­dum. Mit­ent­schei­den kann die Schweiz bei diesen Regeln nicht. Sie hat weder einen Sitz im Rat der EU noch Ab­ge­ord­ne­te im Eu­ro­päi­schen Par­la­ment; sie wirkt nur im Vor­feld mit, indem die Kom­mis­si­on ihre Sach­ver­stän­di­gen kon­sul­tiert2.

Kon­kret heisst das: Die Schweiz kann wei­ter­hin Ab­kom­men mit Dritt­staa­ten schlies­sen. Will sie aber eine neue EU-Regel zur Ein­fuhr von Pro­duk­ten aus diesen Län­dern nicht oder anders an­wen­den, müsste dies laut Bot­schaft «mit einer Aus­nah­me­be­stim­mung im Pro­to­koll zur Le­bens­mit­tel­si­cher­heit aus­ge­han­del­t» werden3. Wollte die Schweiz etwa im Al­lein­gang stren­ge­re Ge­sund­heits­an­for­de­run­gen an süd­ame­ri­ka­ni­sches Fleisch stel­len, bräuch­te sie dafür die Zu­stim­mung der EU. Wei­ger­te sich die Schweiz, eine neue Ein­fuhr­re­gel zu über­neh­men, könnte die EU den Streit vor den Ge­misch­ten Aus­schuss und danach vor ein brin­gen. Hielte sich die Schweiz nicht an den Ent­scheid des Schieds­ge­richts, könnte die EU er­grei­fen: Sie könnte Vor­tei­le aus den Ab­kom­men teil­wei­se und ver­hält­nis­mäs­sig aus­set­zen4.

Das Paket dehnt damit auf pflanz­li­che Pro­duk­te und die üb­ri­gen Le­bens­mit­tel einen Me­cha­nis­mus aus, der für Tiere und tie­ri­sche Pro­duk­te be­reits be­steht: Für sie gelten die EU-Ein­fuhr­re­geln schon heute in der Schweiz, und die tier­ärzt­li­chen Grenz­kon­trol­len sind seit 2009 ge­mein­sam5. Vor allem macht es diesen Me­cha­nis­mus dy­na­misch: Die Schweiz wird die Ent­wick­lung dieser Regeln künf­tig nach­voll­zie­hen. Die Schwei­zer Höchst­wer­te für Pes­ti­zid­rück­stän­de sind be­reits mit jenen der EU har­mo­ni­siert6. Bei­be­hal­ten konnte die Schweiz ihre De­kla­ra­ti­ons­pflich­ten für im­por­tier­te Pro­duk­te aus schmerz­ver­ur­sa­chen­den Pro­duk­ti­ons­me­tho­den, aus Kä­fig­hal­tung oder von hor­mon­be­han­del­ten Rin­dern7.

Über diese Ver­la­ge­rung gehen die Mei­nun­gen aus­ein­an­der. Die West­schwei­zer Kon­su­men­ten­or­ga­ni­sa­ti­on FRC ist mit Vor­be­hal­ten dafür: Sie be­grüsst den Zugang zu den eu­ro­päi­schen Warn- und Ri­si­ko­be­wer­tungs­sys­te­men, gibt aber zu be­den­ken, die Schweiz könnte kon­su­men­ten­un­freund­li­che Regeln über­neh­men müssen, ohne echten An­pas­sungs­spiel­raum zu haben8. Der Schwei­zer Bau­ern­ver­band hält es sei­ner­seits für sehr pro­ble­ma­tisch, dass der Le­bens­mit­tel­teil ins Paket auf­ge­nom­men wurde, und ver­langt, dass dieses dem un­ter­stellt wird (Stel­lung­nah­me vom 22. Ok­to­ber 2025).

Ein Abkommen, das erst im zweiten Anlauf durchkam

Das Ab­kom­men EFTA-Mer­co­sur wurde am 16. Sep­tem­ber 2025 in Rio de Ja­nei­ro un­ter­zeich­net. Sein Weg durchs Par­la­ment ver­lief holp­rig. Am 17. Juni 2026 lehnte der Na­tio­nal­rat es zu­nächst mit 96 zu 86 Stim­men ab9. Der Stän­de­rat stimm­te danach am 14. Sep­tem­ber mit 35 zu 7 Stim­men zu, worauf der Na­tio­nal­rat am 16. Sep­tem­ber mit 118 zu 66 Stim­men ein­lenk­te10. In der Schluss­ab­stim­mung vom 2. Ok­to­ber pas­sier­te das Ab­kom­men laut Pres­se­be­rich­ten im Na­tio­nal­rat mit 116 zu 71 Stim­men bei 9 Ent­hal­tun­gen und im Stän­de­rat mit 36 zu 6 Stim­men bei 3 Ent­hal­tun­gen.

In der Zwi­schen­zeit hat das Par­la­ment als Be­gleit­mass­nah­me rund 517 Mil­lio­nen Fran­ken über sechs Jahre vor­ge­se­hen, davon 480 Mil­lio­nen an In­ves­ti­ti­ons­kre­di­ten für 2028–2033 und 37 Mil­lio­nen für die Ab­satz­för­de­rung11. Die Aus­sen­po­li­ti­sche Kom­mis­si­on des Stän­de­ra­tes (APK-S) hatte diesen Betrag mit 9 zu 4 Stim­men un­ter­stützt und es mit 8 zu 4 Stim­men ab­ge­lehnt, die EU-Ent­wal­dungs­ver­ord­nung zu über­neh­men12.

Er­grif­fen wurde das Re­fe­ren­dum am 13. Ok­to­ber von den Grünen, der SP, Public Eye, Voices und dem Genfer Winzer Willy Cre­te­gny, un­ter­stützt von der Klein­bau­ern-Ver­ei­ni­gung. Die Ko­mi­tees nennen den 21. Januar 2027 als Frist für die Samm­lung der nö­ti­gen 50'000 Un­ter­schrif­ten13.

Zwei Lager, zwei Lesarten des Abkommens

Für seine Be­für­wor­ter, dar­un­ter der Bun­des­rat und die Mehr­heit des Par­la­ments, würde das Ab­kom­men den Schwei­zer Un­ter­neh­men jähr­lich rund 150 Mil­lio­nen Fran­ken an Zöllen er­spa­ren. Zudem ent­hal­te es die ersten ver­bind­li­chen Ver­pflich­tun­gen zu Wäl­dern und nach­hal­ti­ger Land­wirt­schaft14.

Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee fürch­tet um den Ama­zo­nas-Re­gen­wald. Laut SP-Na­tio­nal­rat Fabian Molina sieht das Ab­kom­men keine wirk­sa­men Regeln vor, um die Ein­fuhr von Pro­duk­ten aus diesen Ge­bie­ten zu ver­bie­ten. Die Gegner kri­ti­sie­ren zudem un­lau­te­ren Wett­be­werb für die Schwei­zer Land­wirt­schaft durch Fleisch, das nach we­ni­ger stren­gen Stan­dards bei An­ti­bio­ti­ka und Tier­wohl pro­du­ziert wird15.

Offene Fragen und Zeitplan

Meh­re­re Punkte blei­ben unklar, und es liess sich keine Ana­ly­se finden, in der ein Akteur die beiden Ur­nen­gän­ge aus­drück­lich mit­ein­an­der ver­knüpft. Das Paket schafft keine Zoll­uni­on: Über Zölle, Kon­tin­gen­te und Frei­han­dels­ab­kom­men ent­schei­det wei­ter­hin die Schweiz allein, und die beiden Ab­stim­mun­gen sind recht­lich von­ein­an­der un­ab­hän­gig16. Wie genau ein Mer­co­sur-Pro­dukt zoll­recht­lich be­han­delt wird, das zu re­du­zier­ten Zöllen in die EU ge­langt und dann in die Schweiz wei­ter­ge­lie­fert wird, hängt von den Ur­sprungs­re­geln ab; die of­fi­zi­el­len Do­ku­men­te zum Paket ana­ly­sie­ren dies nicht. Sollte die EU künf­tig Ein­fuhr­re­geln zur Ent­wal­dung im Be­reich der Le­bens­mit­tel­si­cher­heit er­las­sen, stell­te sich die Frage ihrer Über­nah­me durch die Schweiz. Die EU-Ent­wal­dungs­ver­ord­nung ist nicht Teil des Pakets, und die Aus­sen­po­li­ti­sche Kom­mis­si­on des Stän­de­ra­tes hat es ab­ge­lehnt, sie im Rahmen des Mer­co­sur-Ge­schäfts zu über­neh­men17.

Auch die Zeit­plä­ne un­ter­schei­den sich. Kommt das Re­fe­ren­dum zu­stan­de, stimmt das Volk über das Ab­kom­men EFTA-Mer­co­sur ab, wobei allein das Volks­mehr zählt; Switz­er­land Global En­ter­pri­se nennt Juni 202718. Beim Paket hat das Par­la­ment seine Arbeit noch nicht ab­ge­schlos­sen. Der Stän­de­rat hat den Teil «Sta­bi­li­sie­run­g» ge­neh­migt und be­schlos­sen, ihn Volk und Stän­den vor­zu­le­gen; für die Le­bens­mit­tel­si­cher­heit blieb er laut SDA beim fa­kul­ta­ti­ven Re­fe­ren­dum19. Ein Ab­stim­mungs­da­tum gibt es nicht (siehe un­se­ren Fahr­plan und den Ar­ti­kel zum Stän­de­mehr). Der Le­bens­mit­tel­teil des Pakets wird auf der Seite Le­bens­mit­tel und Land­wirt­schaft aus­führ­lich er­klärt.

  1. 1Protokoll Lebensmittelsicherheit, Art. 7p. 6 
  2. 2Botschaft des Bundesrates, Ziff. 2.1.6.2.1p. 93 Botschaft des Bundesrates, Ziff. 2.1.6.2.1p. 94 
  3. 3Botschaft des Bundesrates, Ziff. 2.12.13.3p. 958 
  4. 4Botschaft des Bundesrates, Ziff. 2.1.6.2.8p. 104 FZA: Institutionelles Protokoll, Art. 11p. 10 
  5. 5Botschaft des Bundesratesp. 851 Botschaft des Bundesratesp. 938 
  6. 6Botschaft des Bundesratesp. 855 
  7. 7Protokoll Lebensmittelsicherheit, Art. 7p. 5 Protokoll Lebensmittelsicherheit, Art. 7p. 6 
  8. 8FRC, Oktober 2025 Quelle 
  9. 9Curia Vista, Geschäft 26.033 Quelle 
  10. 10Curia Vista, Geschäft 26.033 Quelle 
  11. 11RTS, September 2026 Quelle 
  12. 12APK-S, 04.09.2026 Quelle 
  13. 13RTS, 13.10.2026 Quelle 
  14. 14RTS, September 2026 Quelle 
  15. 15RTS, 13.10.2026 Quelle 
  16. 16Botschaft des Bundesrates, Ziff. 3.1.3p. 1007 Faktenblatt Landwirtschaftp. 3 
  17. 17APK-S, 04.09.2026 Quelle 
  18. 18S-GE, abgerufen am 14.10.2026 Quelle 
  19. 19SDA (frz.), 01.10.2026 Quelle 

Neueste Artikel

Alle Artikel

Auf der Website suchen